"Und wer ihn annimmt, der bleibt nicht, was er ist."

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Kurt Scharf

„Und wer ihn annimmt, der bleibt nicht, was er ist.“

Gedenkpredigt von Bischof Dr. Kurt Scharf in der evangelischen Kirche von Flossenbürg am 9. April 1970

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern!

Ich habe in diesem Gottesdienst Grüße verschiedener Herkunft zu überbringen, in diesem Gottesdienst, der von der Kirchenleitung der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern veranstaltet wird - gemeinsam mit den kirchlichen Werken in eurem Lande, der bayrischen Pfarrerbruderschaft und dieser Gemeinde, der Gemeinde von Flossenbürg selbst. Ich bringe die Grüße des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland, der uns miteinander entsandt hat, den Moderator Professor Dr. Niesel, der zur Zeit der Vorsitzende des Reformierten Weltbundes ist, und mich, der ich als der Vertreter des Vorsitzenden des Rates, eures Landesbischofs, gekommen bin. Er selbst kann infolge seiner Erkrankung heute leider nicht unter uns sein. Und ich bringe die Grüße der Berliner Kirchenleitung aus Ost und West. Am gleichen Tage findet in Ostberlin auf Veranlassung der Berliner Kirchenleitung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof eine Gedenkfeier statt, in der Bischofsverwalter Generalsuperintendent Dr. Schönherr, ein Schüler Dietrich Bonhoeffers, die Gedenkrede hält. Dabei denken wir drüben und hier nicht nur an den einen, unsern Bruder Dietrich Bonhoeffer, und sein geistiges und theologisches Erbe. Wir gedenken derer, deren Namen heute Vormittag genannt worden sind, und wir gedenken der andern, die in diesen Tagen vor 25 Jahren in Berlin ermordet worden sind, Claus Bonhoeffers und Schleichers, Johns, von Dohnanyis und all der anderen Märtyrer des politischen und kirchlichen Widerstandes aus der Zeit des furchtbaren Terrors, der Zeit, in der finstere Nacht über unserm deutschen Vaterland lag. Ich grüße euch von denen drüben und wir grüßen hinüber zu ihnen, die in Ostberlin beieinander sind als Christen und als Deutsche und als Glieder der so besonders betroffenen Familien.

Wir haben unsere Feier unter die Kirchenjahresbibellese vom heutigen Tag gestellt. Das ist ein Abschnitt der Heiligen Schrift, der wie eine Antwort klingt auf eine Frage, die sich Dietrich Bonhoeffer in einem seiner Gedichte während der Haft im Berliner Militärgefängnis gestellt hat. Es ist die Frage, die den Menschen in seiner Tiefe trifft, im Zentrum seines Wesens. Es ist die Frage nach der Identität der eigenen Person: Wer bin ich? Wie Bonhoeffer in seinem Gedicht, so schildert hier Paulus sich selbst als einen gespaltenen Menschen: „Ich bin zwei Menschen, ich bin unter den Sündern ein vornehmlicher, ich war ein Verfolger, ein gewalttätiger Kämpfer gegen die Gemeinde Jesu, ein Lästerer seines Namens, und ich sündige auch weiter, schwerer als viele, häufiger als alle - gegen meinen Herrn.“ Paulus sagt dies in der Mitte des Textabschnittes, den ich verlesen habe, von sich in der Zeitform der Gegenwart: „Ich bin der vornehmlichste Sünder.“ Und er sagt es mit Nachdruck. Zugleich dankt er unserem, dem gemeinsamen Herrn Jesus Christus dafür, dass dieser ihm Treue zugetraut hat und zutraut, ja dass er gerade ihn in seinen Dienst genommen und ihn stark gemacht hat. Er weiß von sich selbst, - auch dies weiß er gerade von sich -: er ist einer, an dem die Treue und Liebe Jesu über die Maßen reich in Erscheinung getreten sind. Er ist ein Begnadeter von vielen anderen, der sich als solcher bewährt.

Die zwei Menschen sind einer in ihm, sie gehören zueinander, sie sind fest und unlöslich ineinander verfugt. Bonhoeffer fragt in dem Gedicht, das ich genannt habe: Bin ich vor Menschen ein Heuchler, ein Heuchler der Gelassenheit, des Mutes, der Zuversicht und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen? Und dann antwortet er in der letzten Zeile seines Gedichtes, eben wie Paulus in dem Abschnitt für den heutigen Tag: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.“

Liebe Brüder und Schwestern, auch im Motiv der Selbstbeurteilung, der Selbstdarstellung stimmen beide überein. Paulus schreibt, was er da von sich selber bekennt, an seinen Schüler und Freund, den jungen Freund Timotheus, der ihm selbstlos wie kein anderer verbunden war und ihm ins Martyrium hinein beispiellos die Treue gehalten hat, ihm dem einsam gewordenen, dem von den anderen verlassenen Apostel. Er schreibt an den Schüler und Freund, nicht nur, um sich einem mitfühlenden Herzen anzuvertrauen, nicht nur in dem Wunsch: ein Mensch soll teilhaben an meiner inneren Not, sondern er schreibt das alles in erster Linie, um an dem eigenen Fall Gottes Handeln mit den Menschen überhaupt zu demonstrieren. Er weiß, er ist ein ungewöhnlicher Fall, er ist eine Ausnahme unter den Menschen Gottes, aber gerade den ungewöhnlichen Fall hat Gott zum Modellfall gemacht für die anderen. „Gott hat an mir vorbildlich dargestellt, was für Menschen künftig zum ewigen Leben kommen können. Sogar solche Menschen wie ich!“ Das ist der wesentliche Inhalt dieser Sätze aus dem Brief des Paulus an Timotheus. „Die ganze Fülle seiner Langmut hat Gott gerade an mir erweisen wollen, dem untauglichen Objekt. Darum hat er eben mir die Verkündigung der Frohbotschaft anvertraut, der Frohbotschaft von der Herrlichkeit des allein seligen Gottes.“ Paulus dankt für das Wunder seines Lebens, das ihm zuteil geworden ist, weil Jesus daran zeigen will: kein Mensch braucht sich für verloren zu halten, wirklich keiner!

In ähnlicher innerer Haltung sind die Gefangenschaftsbriefe von Dietrich Bonhoeffer verfasst. Sie gehen zum allergrößten Teil an den Freund, der unter uns ist, Eberhard Bethge. Sie wollen auch teilgeben. Er vertraut sich in ihnen dem an, der vor allen anderen ihn verstehen wird. Aber er tut dies auch immer zugleich, um kundzumachen, wie Gott an ihm exemplarisch handelt. Der Empfänger der Briefe und durch ihn der Kreis der Freunde und der Familie, ja die Gemeinde als ganze, sie sollen es hören: „Was mir da widerfährt an Erbarmen Gottes in meinem Sonderfall, - all das Besondere, das ganz Subjektive und Individuelle, - es hat exemplarische Bedeutung für den Christenstand, für die verfolgte Gemeinde, für die Gemeinde in kommenden Generationen.“ Dietrich Bonhoeffer denkt in seiner Einsamkeit, in der besonderen Lage seiner Gefängniszelle, in die Zukunft der Kirche voraus. Er tut dies - wiederum wie der Apostel -, indem er dabei zurückblickt auf die Vergangenheit seines individuellen Lebens. Aus dem Theologen, dem Theologie Gedankenspiel war, eine spezifische, geistige Leistung aparterer Art, besonderer und absonderlicher als Forschung und Spekulation in einer der anderen Geisteswissenschaften ihm erschienen, aus dem Theologen, der als junger Student der Theologie, auch noch als Dozent der Theologie - so schildert er seinen Werdegang - kaum persönlich Umgang mit dem Worte Gottes hatte, der nicht oder selten betete, der nicht beten konnte, ist ein Zeuge geworden demütigen Glaubens, ein Bote, dem nur die Botschaft am Herzen lag, dem es nur um die Botschaft seines Herrn ging, ist ein Jünger geworden, der ganz gering denkt von der eigenen Leistung, von dem, was er entdeckt und was er von sich aus zusammengefügt und errichtet, entworfen, gedeutet, geurteilt hat. Er schreibt geradezu panegyrisch von dem, was er anderen verdankt. Auch die Kraft der Treue im Martyrium empfindet er als ein Geschenk der anderen an ihn, der anderen, die ihn umgeben und die für ihn einstehen im Gebet. Er nimmt im Gebet Gutes und Böses mit Dank an aus der Hand des Herrn, von dem her er denkt, neben dessen Leiden in der Welt er sich vorfindet, neben dessen Leiden er steht und stehen will und von dem und dessen Leiden zu reden und zu schreiben der Sinn und der Inhalt allen Lebens ist. Und mitten in solchem Dank und solcher Ergebung ist dann eben auch wieder und wieder zu lesen: „Keiner ist verloren, keiner darf aufgegeben werden, weil er ohnmächtig und schwach gegenüber der Welt ist, gerade darum weil einer schwach ist, hilft ihm Gott; er hilft mir und allen.“

Liebe Gemeinde, Paulus beendet sein Bekenntnis mit einer Doxologie, mit einem jubelnden Lobpreis, mit einer Doxologie, auf die er das Amen der Gemeinde erwartet. Das Amen, das ich am Ende der Textlesung gesprochen habe, steht im Text, mitten im Briefe des Paulus an Timotheus. Es gehört zum Predigttext selbst. Paulus preist den Gott, der vernichtet und neu schafft, der ein Weltzeitalter auf das andere folgen lässt, - er nennt ihn den König der Weltzeitalter, - der die Geschichte auf ein Ziel hinlenkt, auf die Weltvollendung. Dies ist eben der Lobpreis, den ich mithöre in allem, was Bonhoeffer uns hinterlassen hat und was er war. So habe ich ihn vor Augen - als den, der bekennt und singt mit der Gottesgemeinde aller Zeiten. Sein Leben ist ein einziger Jubelruf: „Alles Leben kommt von dem Unvergänglichen: unsichtbar ist er für unseren irdischen Blick, weil bei ihm die Fülle der Herrlichkeit ist. Die Fülle des Lichtes vermögen wir nicht zu ertragen, nicht einmal zu ahnen, aber wir werden sie sehen, wir werden an ihr teilhaben.“

Liebe Gemeinde, und nun wende ich Gottes Wort zu uns hin: Der einzigartige Gott, der allein, der schlechthin einzige, bedient sich der ungewöhnlichen Fälle, um zu zeigen, dass er jeden von uns beschenken, jeden von uns verwandeln, zerstören und neu schaffen und in den Dienst nehmen will für die Frohbotschaft seiner Herrlichkeit: die Religiösen und die Religionslosen, den Paulus und den Dietrich Bonhoeffer, die störrische, rebellierende, gewalttätige, innerlich oft so haltlose Jugend und die verständnislosen, oft hart geprüften und starr gewordenen Alten und Älteren. Er will alle! Und wer ihn annimmt, der bleibt nicht, was er ist; er wird dein, o Gott!

Amen.






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