"Der Zeuge Jesu Christi steht mitten in der Welt."
Hermann Bürckstümmer
„Der Zeuge Jesu Christi steht mitten in der Welt.“
Gedenkwort von Kreisdekan Oberkirchenrat Hermann Bürckstümmer am 9. April 1970 in der evangelischen Kirche in Flossenbürg
„Ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.“
So lesen wir es im Hebräerbrief im 13. Kapitel, im 7. Vers. Heute morgen haben wir es miterlebt, wie die Tafel für die Opfer des 9. April 1945 enthüllt worden ist. Sie ist angebracht an jener Mauer, die Zeuge der Schmach, der Qual und der Schande war. Wir brauchen solche äußeren Anhaltspunkte, weil wir Menschen sind, und darum danken wir es Herrn Oberkirchenrat Koller, der auch heute in unserer Mitte ist, dass es seinen Bemühungen gelungen ist, die Restbaracke, die heute die Dokumentation enthält, und jene Mauer zu erhalten. Das erleichtert uns das Gedenken. Aber nicht dies ist das Gedenken, sondern das Gedenken soll uns ja darauf hinrichten, was damals von Jesus Christus durch Menschen geschehen ist. Kann man das einfach nun so sagen? Wenn man das so sagt, dann müsste man fragen, wer war denn eigentlich Dietrich Bonhoeffer, war er ein Mann der Kirche? Wer wollte es leugnen, denn er ist ein Mann, dessen Wort heute in der Kirche nicht nur vieles gilt, sondern zu vielen Fragen anregt und noch manche Frucht bringen wird. Wer war er? Ein Mann der Kirche, ein Mann des politischen Widerstandes? Wer wollte es leugnen? Seine engen Beziehungen zur Abwehr, seine Verbindung zu Canaris usw., wer wollte das leugnen? Wer war er? War er ein tragisches Opfer seiner Überzeugungstreue? Sicher! War er ein Zeuge Christi? Ich sag es noch anders, war er ein Märtyrer? Das geht uns ein wenig schwer über die Lippen und doch, er war’s. Wenn wir so fragen, dann meine ich, dass diese Fragen berechtigt sind, weil eben er selbst so gefragt hat. Er selbst war ja bewegt von der Frage, ob er, wenn er diese oder jene Entscheidung träfe, noch Glied der Kirche bleiben könne, oder ob er hier nicht den Austritt vollziehen müsse. Gott sei Dank hat er es nicht getan. Aber gerade so hat er uns eines klar gemacht, was wir nicht vergessen sollten: Eine chemisch reine Märtyrertugend gibt es nicht, sondern der Zeuge Jesu Christi steht immer mitten drin in der Welt und hat sein Christuszeugnis in der Welt abzulegen. Er macht uns das vielleicht einmal besonders deutlich durch jenes Wort: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Das war seine Situation gewesen! Man hätte nur gregorianisch singen können und wäre ganz im Raume der Kirche geblieben und wäre auf diese Weise nicht zu einem Zeugen Jesu Christi geworden. Der Zeuge Jesu Christi steht mitten in der Welt, und er wird seinen Zeugendienst vielleicht fehlerhaft tun. Erkennbar muss nur dieses eine werden, dass Christus in dem Zeugen wirken will und dass Christus in dem Zeugen gewirkt hat. Und wenn wir daran denken, dann merken wir, dass Christ sein und Theologe sein nichts Theoretisches ist, dass der Theologe sich nicht verzehren kann in der Diskussion, sondern dass sein Theologe-sein geprüft wird, ob es standhält, ob es standhält auch im Leben und im Sterben. Zu solchem Gedenken mahnt uns die Schrift, zu solchem Gedenken wollte dieser heutige Tag helfen, dass wir über solchem Gedenken den Herrn Christus rühmen, der Menschen Kraft und Weisheit und Stärke gibt, ihr Zeugnis abzulegen in der Welt.
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