Die Epidemie des Totalitarismus

Howard I. Friedman

Die Epidemie des Totalitarismus

Rede des Präsidenten des American Jewish Committee Howard I. Friedman am 20. Juli 1984 im Hotel Berlin, Berlin

Herr Bundeskanzler,

meine Damen und Herren,

mit Stolz und Befriedigung begehen wir vom Amerikanischen Jüdischen Komitee heute gemeinsam mit Ihnen diese Feierstunde. Wir tun dies als eine Organisation, die ganz der Idee verpflichtet ist, dass der menschliche Geist die wesentliche Kraft der Zivilisation ist. Der Mut und die Entschlossenheit jener tapferen Männer, die am 20. Juli 1944 versuchten, die Nazi-Herrschaft zu Fall zu bringen, ist ein Musterbeispiel menschlichen Geistes in unserer Zeit.

Wir sehen in Ihrer Einladung an uns zur Teilnahme an dieser Feierstunde ihre Anerkennung, dass die Arbeit, die wir in den letzten Jahren in enger Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung geleistet haben, eine wichtige Rolle in dem ständigen Bemühen unserer beiden Länder spielt, Brücken der Verständigung zwischen unseren beiden Völkern zu bauen. Unsere Programme hier in Deutschland sollen jungen führenden Juden in Amerika eine auf Erkenntnissen und Einblicken beruhende Würdigung der Realität des modernen Deutschland und seiner freien Institutionen vermitteln. Es ist wichtig, dass amerikanische Juden die Lektion lernen und beherzigen, dass aus den Ruinen eines bösen, schmählichen Regimes eine lebensfähige, freie Gesellschaft erstanden ist, die sich der Bewahrung der Werte der westlichen Zivilisation und dem Gedanken einer freien demokratischen Gesellschaft verpflichtet fühlt. Durch unsere Programme haben auch mehrere hundert Ihrer führenden jungen Politiker, Akademiker und Medienvertreter die Vitalität des Pluralismus im amerikanischen Leben und besonders die Rolle, die die jüdische Bevölkerung bei der Förderung und Pflege des Geistes des demokratischen Pluralismus in Amerika spielt, kennen gelernt. Nichts kann für die Bewahrung unserer gemeinsamen Werte förderlicher sein als dieser Prozess der beständigen beiderseitigen Verständigung.

Die Ereignisse des 20. Juli 1944 und das damalige Klima hier in Deutschland bestärken uns in unserer Überzeugung, dass der Totalitarismus die schlimmste Geißel des 20. Jahrhunderts ist. Für das jüdische Volk sind die besonderen Merkmale des nationalsozialistischen Totalitarismus nur zu offenkundig. Etwa sechs Millionen Angehörige unseres Volkes wurden buchstäblich ermordet, und unsere wichtigeren Institutionen des kommunalen und akademischen Lebens wurden zerstört. Die Erfahrung des Holocaust ist im jüdischen Gedächtnis noch lebendig, und es wird in der jüdischen Geschichte keinen Zeitpunkt geben, wo die Narben jener Erfahrung nicht mehr zu spüren sind. Doch auch für die Menschheit im Allgemeinen verkörpert jener Totalitarismus eine fast ebenso große Entwürdigung des menschlichen Geistes. Er erinnert uns daran, wie nahe wir in unserer Zeit der Zerstörung jener Werte gekommen sind, die gemeinhin der westlichen Zivilisation zuzuordnen sind – Werte wie Verstand, kritische Intelligenz, Demokratie, die Freiheit zu reden und Fragen zu stellen, eine humane Einstellung und Respekt für anderes.

Dass der Totalitarismus der nationalsozialistischen Zeit ein so unsäglicher Schrecken war, unterstreicht nur den großen Mut und die Tapferkeit jener Männer, die versuchten, die nationalsozialistische Herrschaft am 20. Juli 1944 zu stürzen. Dass unter den damaligen Umständen überhaupt menschliche Wesen leben und auf Regungen der Anständigkeit und des menschlichen Mutes hören konnten, ist letztlich ein hervorragender Beweis für die Fähigkeit des Menschen, mit den widrigsten Gegebenheiten fertig zu werden. Wir Juden haben zu allen Zeiten ein gewisses Stehvermögen trotz widriger Umstände bewiesen. Oberst von Stauffenberg und sein Kreis sind ein leuchtendes Beispiel für diejenigen, die an die Überlebensfähigkeit des menschlichen Geistes inmitten der Erniedrigung glauben.

Leider sind wir in unserem Jahrhundert noch immer nicht frei von der Epidemie des Totalitarismus. Auch können wir nicht mit Überzeugung sagen, dass die Mehrheit der organisierten Gesellschaften auf unserem Planeten dem Modell einer freien Gesellschaft entspricht, wie es sie in der Bundesrepublik Deutschland und in den USA gibt. Weniger als ein Drittel der Länder der heutigen Welt können als freie Gesellschaften bezeichnet werden, und ein großer Teil unseres Planeten sieht sich einer neuen Art von Totalitarismus ausgesetzt, nämlich der sowjetischen Ausprägung.

Der 20. Juli 1944 ist nicht einfach ein historisches Datum, das man als Fußnote der Geschichte behandeln kann. Vielmehr ist dies ein Datum, das ein Ereignis widerspiegelt, das uns heute inspirieren sollte, da wir uns den fortgesetzten Verheerungen des Totalitarismus und seiner Versklavung des menschlichen Geistes gegenübersehen. Ein dramatisches Beispiel aus unseren Tagen für jenen Geist ist natürlich der bemerkenswerte Mut und die innere Stärke der in der Sowjetunion lebenden Deutschen und Juden. Ein weiteres Beispiel ist die immer wieder unter Beweis gestellte Entschlossenheit dieser Stadt Berlin, ihre Unabhängigkeit und Freiheit unter den widrigsten äußeren Bedingungen zu bewahren.

Angesichts dessen, was diese tapferen Männer des 20. Juli 1944 verkörpern, wollen wir uns ins Gedächtnis rufen, wofür wir uns zutiefst verpflichten und einsetzen sollten:

1. Wir alle, Christen, Juden, Deutsche, Amerikaner und alle Menschen guten Willens, müssen gemeinsam ein nationales und internationales Einverständnis darüber erzielen, das all jene zurückweist, die Gewalt anwenden oder die Anwendung von Gewalt befürworten. Wir müssen daran arbeiten, um die Aufrufe zu Gewalt und Terrorismus als Mittel zur Befreiung von ihrem romantischen Nimbus zu befreien, da moralisch gesehen in unserer Zeit kein Zweck die Anwendung eines Mittels rechtfertigen kann, das Persönlichkeit und Würde des Menschen schmälert und erstickt.

2. Wir müssen unsere Stimme erheben, um gegen aufrührerische Propaganda zu protestieren und sie zurückzuweisen, insbesondere wenn sie von internationalen Gremien kommt, die eine große weltweite Wirkung haben. Die Sowjetunion und große Teile der Dritten Welt betreiben eine Propaganda, die den Westen und seine Werte schmäht und die den herkömmlichen Antisemitismus verkörpert, häufig unter dem Deckmantel des Anti-Israelismus. Wir dürfen nicht länger schweigend in den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen sitzen, wenn solche Verleumdungen geäußert werden. Schweigen, so sagt eine jüdische Tradition, bedeutet Zustimmung.

3. Wir müssen unsere geistigen und politischen Energien dafür einsetzen, die Ideologie des Pluralismus in der Welt zu festigen – eines Pluralismus, der sich auf das Recht jeder religiösen und ethnischen Gruppe, sich nach eigenen Maßstäben zu definieren, sowie auf die bedingungslose Annahme dieser Selbstdefinition durch die anderen gründet. Christen und Juden kommt eine entscheidende Rolle bei der Verfechtung dieser schöpferischen Ideologie zu.

4. Wir müssen uns noch viel stärker für die Anerkennung der Menschenrechte überall auf der Welt einsetzen. Diese Anerkennung muss alle staatlichen Grenzen überschreiten und zu einer internationalen Anerkennung der Menschenrechte führen, die eine gemeinsame Basis dafür schafft, dass sich die Menschen gemeinsam für die Bekräftigung und Anerkennung ihrer grundlegenden menschlichen Werte einsetzen können.

5. Schließlich müssen wir unumwunden und voller Stolz bekräftigen, dass wir uns der Idee einer freiheitlichen Gesellschaft verpflichtet fühlen und uns für die entschlossene Verteidigung jener Werte einsetzen, die eine freie Gesellschaft prägen. Freiheit ist schließlich die stärkste Idee in der Welt, und ihre Verfechter sollten sich in der Hingabe an diese Idee keinerlei Beschränkung auferlegen. Ich muss, um ein Wort Heinrich Heines zu gebrauchen, hinzufügen, dass die Freiheit mit hebräischem Akzent spricht.

Lassen Sie mich schließen, wie ich begonnen habe. Dieser Gedenktag zeigt deutlich und eindringlich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich ein neues Deutschland, das der Erhaltung der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens, der Verteidigung der konstitutionellen Demokratie, der Bekämpfung des Rassismus und Antisemitismus, der Förderung des Pluralismus und der Achtung des anderen sowie dem Aufbau einer Weltordnung verpflichtet ist, die sich auf gegenseitige Achtung und Fürsorge unter allen Menschen gründet. Zur Verwirklichung dieser Idee, das heißt einer Idee von der Geschichte nicht als einer der Vergangenheit angehörenden Etappe, sondern als Wegweiser für eine neue Zukunft, bieten wir vom Amerikanischen Jüdischen Komitee unsere Freundschaft, Verbundenheit und Unterstützung an.